ist der beste tag um über das meer nachzudenken

Zwischen Wind und Ordnung

Wir segeln, um frei zu sein. Um Regeln, Termine und Hierarchien hinter uns zu lassen. Und finden uns an Bord plötzlich zwischen Leinen, Checklisten und klaren Zuständigkeiten wieder. Warum sich das nicht wie ein Widerspruch anfühlt – und was Philosophen wie Kant, Hobbes und Aristoteles dazu zu sagen hätten.

Freiheit ist eines der großen Motive des Segelns. Wir erzählen uns das gerne: dass wir rausfahren, um Regeln hinter uns zu lassen. Keine Termine, keine Hierarchien, keine Anweisungen. Nur Wind, Wasser – und die Möglichkeit, einfach zu sein. Das Schiff als Gegenwelt zum Alltag. Das Meer als offene Verheißung.

Und was machen wir aus diesem großen Freiheitsversprechen?
Wir sortieren Leinen, als hinge unser Seelenheil daran, arbeiten Checklisten ab, die wir selbst geschrieben haben, vergleichen Wetterberichte, die sich widersprechen, und diskutieren mit großer Ernsthaftigkeit über den richtigen Kurs – für eine Unternehmung, die angeblich dem Zweck dient, „einfach zu sein“.

Und trotzdem fühlt sich das nicht falsch an. Im Gegenteil: Es fühlt sich notwendig an. Fast beruhigend. Denn das, was wir auf dem Wasser Ordnung nennen, ist keine fremde Macht. Sie kommt nicht von außen, sie wird nicht verordnet. Wir bringen sie selbst mit an Bord. Freiwillig. Mit Überzeugung. Und mit erstaunlicher Konsequenz.

Haben wir Segler also eine gespaltene Persönlichkeit? An Land rebellieren wir gegen Regeln, Prozesse und Zuständigkeiten. Kaum sind wir an Bord, verlangen wir nach genau dem Gegenteil: Klarheit, Struktur, Verantwortlichkeiten. Wer fährt? Wer schaut? Wer entscheidet? Freiheit bitte – aber organisiert.

Natürlich ist das keine Schizophrenie. Es ist etwas viel Banaleres.Und vielleicht viel Klügeres. Zeit also, die Philosophie mit an Bord zu holen.

Denn dieses seltsame Zusammenspiel aus Freiheitssehnsucht und freiwilliger Ordnung ist kein seglerischer Sonderfall. Es ist ein altes menschliches Thema. Einer, der es besonders nüchtern beschrieben hat, war Immanuel Kant.

Für Kant entsteht Freiheit nicht dort, wo Regeln verschwinden, sondern dort, wo wir sie uns selbst geben. Autonomie nennt er das. Auf dem Wasser lässt sich dieser Gedanke erstaunlich gut beobachten. Die Ordnung an Bord ist keine fremde Macht, sie wird nicht verordnet. Wir bringen sie selbst mit. Freiwillig. Aus Einsicht. Und genau deshalb fühlt sie sich nicht wie ein Widerspruch zur Freiheit an, sondern wie ihre Voraussetzung. Kant hätte auf einem Boot vermutlich gut funktioniert.

Doch kaum hat Kant das Deck betreten, meldet sich ein anderer zu Wort.
Thomas Hobbes hätte vermutlich trocken eingewendet, dass das alles sehr schön klingt – solange alle mitspielen. Ohne Ordnung, so Hobbes, endet Freiheit nicht in Selbstverwirklichung, sondern im Chaos. Im berühmten Krieg aller gegen alle. Auf dem Wasser wäre das schnell entschieden: Niemand fühlt sich zuständig, alle wollen frei sein – und das Boot treibt.

Hobbes’ Einwurf ist unangenehm, aber nicht falsch. Ordnung ist nicht nur philosophisches Ideal, sie ist schlicht überlebensnotwendig. Auf See genauso wie im Leben. Freiheit ohne Struktur ist kein romantischer Zustand, sondern ein Risiko.

Und genau an dieser Stelle würde Aristoteles vermutlich das Ruder übernehmen.
Nicht, um Kant oder Hobbes zu widersprechen, sondern um beide zu erden. Für ihn lag die Wahrheit selten im Extrem. Tugend entsteht im richtigen Maß – zwischen zu viel und zu wenig.

Übertragen aufs Segeln heißt das: totale Regellosigkeit ist gefährlich, totale Disziplin erstickend. Die Kunst liegt dazwischen. In einer Ordnung, die klar genug ist, um Sicherheit zu geben, und offen genug, um Freiheit zuzulassen. Nicht jeder Handgriff braucht ein Kommando, aber jeder braucht einen Sinn.

Damit dürfen Kant, Hobbes und Aristoteles wieder an Land gehen.
Sie haben ihren Dienst getan. Nicht, um Antworten zu liefern, sondern um etwas sichtbar zu machen, das wir an Bord längst spüren.

Vielleicht ist es genau dieses Zusammenspiel aus Freiheit und Ordnung, das uns immer wieder hinauszieht. Vielleicht ist es nicht das Weglassen von Regeln, sondern das bewusste Wählen. Nicht das Entkommen, sondern das Verstehen.

Und vielleicht liegt irgendwo zwischen Wind, Wasser und Verantwortung eine Form von Freiheit, die sich weder erklären noch festhalten lässt – sondern nur erfahren.
Und zur Sicherheit – und der Ordnung halber – finden sich zwischen unseren maritimen Lehrbüchern ein paar Philosophen, die erstaunlich gut seefest sind.

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