Wenn wir die Landleinen losmachen, verlassen wir die terrestrische Sicherheitszone. Natürlich ist auch das Leben an Land nicht immer sicher. Doch Hilfe ist in der Regel nicht weit entfernt. Auf See ist das anders. Dort sind wir zunächst einmal auf uns selbst gestellt. Genau deshalb bereiten wir uns bewusst auf Notfälle vor.
Wir lesen Bücher, schauen YouTube-Tutorials, besuchen Kurse und üben Manöver. Wir rüsten unser Schiff sorgfältig aus. Wir überlegen, was wir tun würden, wenn jemand über Bord geht, ein Feuer ausbricht oder Wasser ins Schiff eindringt. Doch eigentlich wissen wir alle, dass der Ernstfall selten so eintritt, wie wir ihn geübt haben. Notfälle halten sich nicht an Lehrbücher. Sie überraschen uns. Sie kommen anders, als wir sie uns vorgestellt haben.
Macht diese ganze Vorbereitung dann überhaupt Sinn?
Eine Ärztin sagte einmal zu mir: „Ich habe an Bord gar nicht so viel dabei. Es fehlt im Ernstfall ohnehin immer genau das, was man gerade braucht.“ Dieser Satz hat mich beschäftigt. Denn wenn das stimmt – warum bereiten wir uns überhaupt vor?
Die Psychologie gibt darauf eine interessante Antwort. Sie spricht von Selbstwirksamkeit. Gemeint ist nicht die Fähigkeit, jeden Notfall zu beherrschen. Sondern das Vertrauen, auch in einer völlig unerwarteten Situation handlungsfähig zu bleiben.
Wir üben also nicht den Notfall. Den können wir gar nicht üben. Wir üben, ruhig zu bleiben, Informationen zu finden, Entscheidungen zu treffen und Schritt für Schritt zu handeln. Genau dieses Vertrauen entsteht durch Vorbereitung. Nicht weil wir glauben, auf alles eine Antwort zu haben. Sondern weil wir wissen, wie wir beginnen können, wenn etwas passiert.
Und weil immer etwas passieren kann, passiert es irgendwann auch. Meist genau dann, wenn man es am wenigsten erwartet. Ein herrlicher Vollmondabend im Juni. Frühsommerliches Wetter. Kein Wind. Wir liegen in einer wunderschönen Bucht und genießen den Abend an Bord. Was sollte da schon passieren?
Durch eine dumme Unachtsamkeit beim Kochen verbrenne ich mir plötzlich die linke Hand schwer. Handgelenk, Daumen, Handballen und drei Finger sind betroffen. Für einen kurzen Moment starre ich ungläubig auf meine Hand. Das sieht gar nicht gut aus.
Dann beginnen wir zu handeln.
Wir schlagen in Medizin an Bord nach. Wir holen unsere Erste-Hilfe-Ausrüstung hervor. Über WhatsApp nehmen wir Kontakt zu einem Arzt auf. Was eben noch ein Schreckmoment war, wird Schritt für Schritt zu einer Aufgabe, die abgearbeitet werden kann.
Zunächst haben wir das Gefühl, ausgerechnet das Material nicht an Bord zu haben, das wir jetzt dringend brauchen. Doch je genauer wir unsere Bordapotheke durchsuchen, desto mehr stellen wir fest, dass wir erstaunlich gut vorbereitet sind. Desinfektionsmittel, sterile Kompressen, geeignete Verbände – vieles ist vorhanden. Wir mussten es nur finden und richtig einsetzen.
Natürlich wünscht man sich eine solche Verletzung nicht. Doch schon nach kurzer Zeit hatten wir das Gefühl, die Situation im Griff zu haben. Für ein paar Tage wurde unsere Stella Polare zu einem kleinen Lazarett. Und ja – so eine Verbrennung tut ordentlich weh. Ausgerechnet das Einzige, was uns tatsächlich fehlte, waren Schmerztabletten. Die stehen seither ganz oben auf unserer Checkliste und werden an Bord sicher nie wieder fehlen.
Erst im Nachhinein wurde uns bewusst, was unsere Beschäftigung mit Notfallsituationen eigentlich bewirkt hatte.
Vorbereitung verhindert den Unfall nicht. Sie verhindert auch nicht den Schmerz. Aber sie sorgt dafür, dass aus dem ersten Schreck nicht Hilflosigkeit wird, sondern Handeln.
Genau das meinen Psychologen mit Selbstwirksamkeit. Nicht das Vertrauen, dass nichts passiert. Sondern das Vertrauen, auch dann noch handlungsfähig zu sein, wenn etwas passiert.
mar














































































