Beginnen wir im Norden der Adria, in Triest, der Stadt der Winde. Hier ist die Bora allgegenwärtig. Und doch nennt Claudio Magris, der seine Stadt wie kaum ein anderer beschrieben hat, sie keinen Wind, sondern einen Charakter.
Und das würden wir Segler sofort unterschreiben. Kein Wind prägt die Ostküste der Adria so sehr wie sie. Sie kommt plötzlich, oft bei blauem Himmel, ohne Übergang.
Auch wenn sie nicht weht, ist sie da. Die Bora segelt immer mit. Sie ist die erste Frage am Morgen und die letzte am Abend. Kommt sie heute? Kommt sie morgen? Dreht sie auf oder bleibt sie gnädig?
Vielleicht ist sie uns deshalb unheimlich, weil sie kein Wind des Meeres ist, sondern ein Wind der Berge. Wenn sich die Luft über dem Land aufstaut, stürzt sie aus Nordost über das Dinarische Gebirge hinab – auf das Meer.
Sie folgt dem Gebirge, beschleunigt in den Schneisen – im Golf von Triest, in der Kvarner Bucht, am Velebit-Kanal – und trifft dort mit voller Wucht. Seit Jahrhunderten prägt sie Landschaft, Inseln und Menschen.
Wenn sie kommt, gibt es keinen Übergang. Eben noch ruhig, dann schlägt sie ein. Böen fallen ein, hart und unregelmäßig, reißen ins Segel, pfeifen durch das Rigg. Die See wird weiß und kurz. In der dalmatinischen Inselwelt entstehen schnell Leewallsituationen. Gegen die Bora kommt man kaum an, wenn sie steht.
Und doch kann sie schön sein. Wenn sie moderater wird und sich hält, wird sie zum Begleiter. Anspruchsvoll, aber klar. Dann gibt es kaum etwas Besseres, als an der istrischen Küste nach Süden zu segeln – unter Land, schnell, bei wenig Welle.
Die Bora hat System. Heute lässt sie sich gut vorhersagen. Ihren Charakter hat sie behalten, nicht aber ihren alten Ruf als Damoklesschwert.
Und sie bleibt, was sie ist: ein Wind der Berge. Sie trifft die Ostküste mit voller Härte – und verliert über dem Meer ihre Kraft. An der flachen Westküste bleibt nur noch ein gleichmäßiger Nordost und ein langer, zäher Schwell.
Wenn in Venedig die Passerelle – jene erhöhten Stege, die bei Hochwasser durch die Gassen der Altstadt führen – zum Aufbau bereitgestellt werden, ist eines klar: Man wird sie bald brauchen. Der Scirocco steht an. Und mit ihm das Hochwasser, die Acqua alta.
Dieser mächtige Süd- bis Südostwind, auch als Jugo bekannt, ist keine Überraschung. Langsam, schwer und unausweichlich kündigt er sich an.
Man spürt ihn, bevor er einsetzt. Die Luft wird dichter, feuchter, fast träge. Der Himmel verliert an Klarheit, wird milchig, manchmal gelblich. Die Sicht verschwimmt, Konturen werden weich. Es ist, als würde sich etwas aufbauen, das sich nicht mehr aufhalten lässt.
Er kommt von weit her. Sein Ursprung liegt in Nordafrika, in der Sahara. Schon sein Name – Scirocco – trägt das Arabische in sich. Dort ist er ein heißer, trockener Wüstenwind, beladen mit Staub. Erst auf seinem Weg über das Mittelmeer nimmt er Feuchtigkeit auf, wird schwerer, dichter – und erreicht schließlich die Adria.
Verantwortlich dafür ist eine typische Wetterlage im Mittelmeerraum: Ein Tiefdruckgebiet über Italien oder dem westlichen Mittelmeer zieht die Luft aus dem Süden nach Norden. Der Scirocco wird angesaugt, über das Meer geführt und trägt dabei nicht selten Saharastaub bis weit nach Mitteleuropa – manchmal sogar bis zu den Alpen.
Und auf seinem langen Weg über das Meer baut er eine Welle auf. Keine kurze, wilde See wie bei der Bora, sondern lange, rollende Dünung, die sich über die ganze Adria aufbaut und nach Norden zieht. Gerade in der Nordadria erreicht sie oft ihre volle Ausprägung.
Der Scirocco weht dabei gleichmäßig, fast ohne die harten Böen der Bora. Er kommt nicht in Schlägen, sondern mit Druck – und bleibt. Oft über Tage.
Mit ihm zieht ein grauer Himmel auf, die Luft wird feucht und schwer. Regen setzt ein, erst leicht, dann anhaltend, manchmal kräftig.
Und der Scirocco drückt die Wassermassen der Adria nach Norden, in eine Art Sackgasse. Wenn dann Starkwind, anhaltender Regen und der richtige Wasserstand zusammenkommen, tritt in Venedig ein, was hier seit Jahrhunderten bekannt ist: Acqua alta.
Und wenn wir schon in Venedig sind, bleiben wir dort. Denn gegen den Scirocco anzusegeln ist keine Freude. Die lange Welle steht dagegen, der Wind drückt, alles wird schwer und zäh.
Vielleicht liegt darin auch seine eigentliche Wirkung. Der Scirocco ist kein Wind, der dich fordert wie die Bora – er zieht dich hinunter. Eine langsame, feuchte Schwere, die sich über Tage legt. Und diese Melancholie passt erstaunlich gut zu Venedig.
Die Isobaren liegen weit auseinander, eine ruhige Druckverteilung liegt über Europa. Wir liegen ruhig vor Anker, am Steg einer Konoba oder in einem kleinen Stadthafen. Die See ist glatt, fast unbewegt. Niemand hat es eilig. Mit einem Espresso in der Hand blicken wir auf das Meer und meinen, schon die ersten Kräuselungen zu sehen. Denn der Maestrale wird kommen.
Zuerst kaum merklich. Ein Hauch, der über die Wasseroberfläche zieht, hier und da ein dunkler Streifen. Dann greift er, füllt die Segel, richtet die Boote aus. Nichts bricht herein, nichts überrascht. Er ist einfach da.
Und mit ihm beginnt der Rhythmus des Tages. Der Himmel über dem Meer ist blau, über dem Festland türmen sich einzelne Cumuli. Daran sieht man, dass die Sonne für uns arbeitet. Denn der Maestrale ist ein thermischer Wind – er entsteht, weil sich das Land stärker aufheizt als das Meer. Die warme Luft steigt auf, und vom Wasser strömt kühlere Luft nach.
Irgendwann am Vormittag ist er dann da. Dieser ideale Wind. Konstant, verlässlich, genau richtig. Die Segel stehen, das Boot läuft, alles fügt sich.
Man muss nicht mehr grübeln. Man segelt einfach. Hat Raum für das, was wirklich Spaß macht: den Trimm, den richtigen Kurs, die Suche nach dem Sweet Spot – oder einfach den Autopiloten arbeiten lassen und dem Lauf des Bootes zuhören. Und die kühle Brise genießen, die er bringt.
Er baut sich auf und bleibt. Meist zwischen drei und fünf Beaufort, an guten Tagen auch mehr. Konstant genug, um sich darauf einzustellen, lebendig genug, um aufmerksam zu bleiben.
Mit ihm wächst auch die Welle. Nicht wild, nicht schwer, sondern gleichmäßig – eine See, die trägt, statt zu kämpfen.
Und wenn die Sonne tiefer steht, lässt er nach. Kommt noch einmal in Böen zurück – und schläft dann ein. Schöner kann ein Segeltag kaum sein.
Aber eines sollte man immer im Blick behalten: die Cumuluswolken über dem Land, die sich im Laufe des Tages weiter auftürmen. Denn die Wetterlagen, die den thermischen Maestrale bringen, sind oft auch die, die am Abend Gewitter entstehen lassen können.
Die Winde der Adria sollte man nicht unterschätzen. Aber meist sind sie heute gut vorhersehbar, die Warnzeichen sind klar. Anders ist es mit der Nevera – sie kommt plötzlich und heftig, oft ohne lange Vorankündigung.
Sie entsteht in labilen, schwülen Sommerlagen, wenn sich über dem Land Gewitterzellen bilden, die häufig aus Nordwest über die Adria ziehen. Gerade in der Nordadria können die Luftmassen dabei so schnell absinken, dass innerhalb kürzester Zeit Chaos entsteht.
Wenn man die dunkle Wolkenwand heranziehen sieht, ist es meist schon spät. Dann geht es schnell. Sturmböen, Gewitter, Hagel, Starkregen.
Dann sollte man sofort Schutz suchen – in einer Bucht oder einem Hafen, möglichst nicht nach Nordwesten offen. Denn die Nevera bringt auch eine kurze, steile und wilde Welle mit sich.
Trifft sie einen draußen auf See, heißt es schnell handeln: Segel bergen, Motor bereitmachen, Kontrolle behalten. Winddreher sind dabei keine Seltenheit.
Der einzige Trost ist, dass der Spuk nach 20 bis 60 Minuten meist wieder vorbei ist. Doch die Nevera verzeiht keine Fehler.
Darum sollte man das Wetter immer im Blick haben – besonders Gewitterlinien, den CAPE-Index und das Radar.
Die Adria ist kein gewaltiger Ozean. Aber sie ist eine echte Wetterküche. Und nachdem es ordentlich gebrodelt und gedampft hat, muss wieder aufgeräumt werden.
Nach einer Gewitterfront, dem zähen Scirocco oder einer bösen Nevera kommt die Tramontana ins Spiel. Ein kühler, klarer Wind aus Nord bis Nordwest, der nur kurz wehen, aber auch Tage bleiben kann. Und wie der Name schon sagt, ist der Tramontana ein Wind, der von jenseits der Berge kommt.
Er räumt die schwüle, feuchte Luft aus, und plötzlich ist alles klar. Die Sicht reicht weit, die Konturen werden scharf, die Inseln wirken näher. Ein steifer, beständiger Wind, der oft ein Reff erfordert und mit der Zeit auch Welle aufbaut.
Mit der Tramontana wird das Segeln wieder strukturiert. Kein Rätselraten, kein Abwarten – man kann planen, Strecke machen, Kurse sauber laufen. Es ist kein verspielter Wind wie der Maestrale, sondern einer, mit dem man arbeitet.
Und genau dafür nutzen wir ihn. Für längere Schläge, für Strecken, für Tage, an denen man vorankommen will. Die Tramontana bringt uns weiter.
Zum Segeln ist die Tramontana dankbar. Aber ihre Tage sollte man gut planen. Denn oft ist sie nur die Übergangsphase.
Nach der Tramontana wartet nicht selten schon die Bora. Und dann ist es mit der Ordnung wieder vorbei.
Die Bora ist an der Ostküste so dominant, dass man leicht vergisst: Nicht alles, was aus dem Ostquadranten kommt, ist auch eine Bora. Und so wird der Levante oft übergangen.
Anders als die Bora bildet sich der Levante nicht über den Bergen. Er ist kein Fallwind, kein plötzliches Ereignis. Er kommt aus dem System, legt sich über die Adria und bleibt. Während die Bora von einem Hoch über dem Festland angetrieben wird, steht hinter dem Levante ein Tief über dem Mittelmeer, das feuchte Luft aus dem Osten heranzieht.
Und somit hat der Levante einen ganz anderen Charakter. Er fällt nicht ein, er baut sich auch nicht auf – er legt sich über alles. Die Luft wird feucht, der Himmel grau, die Sicht verschwimmt. Nichts ist wirklich schlecht, aber auch nichts ist gut.
Auch beim Segeln fühlt er sich so an. Kein klarer Druck, kein Rhythmus. Der Wind steht, aber er trägt nicht richtig. Das Boot läuft, aber ohne Leichtigkeit. Alles wirkt zäh, als würde man gegen etwas Unsichtbares anarbeiten.
Meist bleibt er moderat, irgendwo zwischen drei und fünf Beaufort. Selten spektakulär, aber oft ausdauernd. Die Welle baut sich langsam auf, wird länger, unangenehm, ohne je wirklich zu brechen. Kein Chaos, aber auch keine Ruhe.
Der Himmel passt dazu. Kein Blau, keine Tiefe. Ein gleichmäßiges Grau, manchmal milchig, manchmal dumpf. Die Sonne nur ein heller Fleck dahinter, das Licht weich und richtungslos. Es ist kein Wind des Sommers – eher einer der Übergänge, der feuchten Tage im Herbst und Frühjahr.
Böen sind selten. Und genau das macht ihn trügerisch. Er wirkt harmlos, bleibt aber liegen, über Stunden, manchmal über Tage. Die eigentliche Gefahr ist nicht der Wind selbst, sondern die Dauer – und die Müdigkeit, die er mit sich bringt.
Der Burin ist ein kleiner. Kein Angeber, kein Dominator, keine Sage. Und doch darf er hier bei den Großen stehen, weil er so gut für unser Gemüt ist.
Selten wirklich zum Segeln brauchbar – vielleicht einmal mit drei Beaufort durch die klare Nacht gleiten. Aber er ist unser Freund dazwischen. Er bringt eine kühle Brise vom Land, und sein einziger Ehrgeiz ist es, die aufgeheizten Tage ausklingen zu lassen.
Er ist der klassische Landwind. Während das Land in der Nacht rasch abkühlt, bleibt das Meer warm. Die Luft über dem Wasser steigt noch leicht auf – und vom Land zieht ein leises Lüfterl nach draußen.
So macht er die Nächte in der Adria zu etwas Besonderem. Klarer Himmel, leichte Brise. Keine dumpfe Schwere, sondern heitere, lange Abende, die zum Gespräch einladen, zum Innehalten, zum Treibenlassen.
Mit einem kleinen Happen und einem frischen Glas Weißwein lassen wir ihn im Cockpit über uns hinwegstreifen – und genießen die südlichen Nächte.
melde dich zu unserem Newsletter an und wir informieren dich, wenn es auf DIE GEZEIT etwas Neues gibt!
You have successfully joined our subscriber list.