Seit sechs Jahren liegt unsere Stella Polare an der oberen Adria. Viele Buchten, Inseln und kleine Häfen sind in dieser Zeit zu vertrauten Anlaufpunkten geworden. An Brijuni dagegen sind wir immer nur vorbeigesegelt – auf dem Weg nach Süden.
Dabei gilt die Inselgruppe als eine der schönsten in Istrien. Und jedes Mal, wenn sie am Horizont auftauchte, hatte sie etwas Geheimnisvolles. Vielleicht lag es daran, dass man von See aus kaum etwas erkennt. Vielleicht an ihrer Geschichte. Vielleicht auch einfach daran, dass wir immer nur vorbeifuhren und nie anhielten.
Eigentlich wollten wir schon lange hin. Am liebsten in der Vorsaison, wenn die Liegeplätze noch etwas günstiger sind und der große Besucheransturm ausbleibt. Doch mal kam das Wetter dazwischen, mal der Törnplan. Irgendetwas war immer. So entstand über die Jahre ein Bild in unseren Köpfen: Brijuni – ein schönes, aber wohl ziemlich touristisches Ausflugsziel.
Am Ende kam dann doch alles anders. Ausgerechnet zu Pfingsten ergab sich die Gelegenheit. Das Wetter zeigte sich von seiner besten Seite, der Maestral blies verlässlich aus Nordwest, und nach einer Nacht an der Boje vor Rovinj nahmen wir am Pfingstsonntag Kurs auf Brijuni. Wir hatten bereits am Vortag einen Liegeplatz in der Marina reserviert. In der Bestätigung wurden wir gebeten, erst nach 14 Uhr einzulaufen – dann sei Schichtwechsel bei den Liegeplätzen.
Es war einer dieser perfekten Segeltage, an denen die Stella Polare beinahe mühelos raumschots ihrem Ziel entgegenglitt. Pünktlich um 14 Uhr erreichten wir die Hafeneinfahrt. Drei Yachten kamen uns gerade entgegen.
Zu unserer großen Überraschung war die Marina fast leer. Drei Segelyachten und zwei Motorboote lagen an den Stegen. Mehr nicht. Und daran sollte sich während unseres gesamten Aufenthalts kaum etwas ändern. Nach dem Anlegen waren die Formalitäten rasch erledigt. Also stießen wir erst einmal mit einem Anlegedrink darauf an, dass wir es endlich nach Brijuni geschafft hatten.
Die Marina war wunderbar ruhig. Gegenüber, am Anleger der Fähren, war dagegen deutlich mehr Betrieb. Trotzdem strahlte die Insel von Anfang an eine fast magische Gelassenheit aus. Wir suchten nach Möglichkeiten, die Insel zu erkunden, fanden eine App mit Rundgängen und natürlich den Fahrradverleih. Aber wir hatten es nicht eilig.
Dann lief die Fähre ein.
Wir konnten kaum glauben, wie viele Menschen von Bord strömten. Die Fähre war bis auf den letzten Platz mit Tagesgästen gefüllt. Für einen Moment schien sich unser Bild von Brijuni doch noch zu bestätigen.
Also beobachteten wir das bunte Treiben eine Weile, gingen hinüber zum kleinen touristischen Zentrum und gönnten uns einen Espresso am Kiosk. Hier herrschte tatsächlich Pfingstsonntag: Gruppen sammelten sich, Besucher orientierten sich, Fahrräder und Golfcarts wurden übernommen oder zurückgebracht.
Auch beim Fahrradverleih war Hochbetrieb. Als wir nachfragten, erklärte man uns freundlich, dass für eine Ausleihe eigentlich schon zu spät sei – in einer Stunde würde geschlossen.
„Dann kommen wir morgen früh wieder“, sagten wir. „Wir liegen ja mit dem Schiff hier.“
Die Antwort kam sofort: „Dann nehmt die Räder doch gleich mit und bringt sie morgen zurück.“
Perfekt! Wir fuhren einfach los. Schon nach wenigen hundert Metern waren die Stimmen der Tagesgäste verschwunden. Plötzlich gehörte die Insel fast uns allein.
Wir radelten Richtung Südküste. Hier zeigt sich Brijuni von seiner ursprünglichen Seite. Der Schirokko hat über Jahrhunderte seine Spuren in den Felsen hinterlassen. Das Meer wirkt rauer, die Küste schroffer.
In einer stillen Bucht liegen die Fundamente einer römischen Villa. Man braucht nicht viel Fantasie, um sich vorzustellen, welch außergewöhnlicher Ort das vor zweitausend Jahren gewesen sein muss. Später saßen wir auf den Resten einer byzantinischen Siedlung und sahen zu, wie die Sonne langsam im Meer versank.
Es war diese unglaubliche Mischung, die uns nicht mehr losließ. Dichter Wald wechselte mit parkähnlichen Lichtungen. Dazwischen verlassene Gebäude, antike Ruinen und Wege, auf denen wir ganz alleine unterwegs waren. Dabei waren wir eigentlich an einem der bekanntesten Ausflugsziele Istriens.
Zu hören waren nur Vogelstimmen, das Rauschen des Meeres und das unermüdliche Konzert der Zikaden. Immer wieder kreuzten Pfauen unseren Weg, Eidechsen huschten über die warmen Steine, über den Baumwipfeln kreisten Möwen und Kormorane. Brijuni ist nicht nur reich an Geschichte, sondern auch ein außergewöhnlicher Naturraum. Mehr als 250 Vogelarten wurden hier nachgewiesen, in den Salinen entstand ein wichtiges Vogelschutzgebiet. Zwischen den Wäldern leben Feldhasen, Hirsche, Rehe und Mufflons. Obwohl wir längst nicht alle zu Gesicht bekamen, hatte man ständig das Gefühl, hier eher Gast als Besucher zu sein.
Als die Dämmerung hereinbrach, machten wir uns auf den Rückweg. Mit den Fahrrädern fuhren wir durch die Dunkelheit zurück zur Marina. Über uns die ersten Sterne, um uns herum nur der Duft der Pinien und die warme Nachtluft. Jetzt verstanden wir, warum Brijuni seit Jahrhunderten Menschen in seinen Bann zieht. Dieses Paradies übt schon seit Jahrtausenden eine besondere Anziehungskraft aus.
Das Archipel vor der Westküste Istriens besitzt durch seine geschützte Lage ein außergewöhnlich mildes Klima. Mediterrane Wälder, uralte Steineichen, Pinien und Olivenhaine prägen die Inseln. Dinosaurier hinterließen hier ihre Fußabdrücke, Römer errichteten prächtige Villen, später folgten byzantinische Siedlungen.
Mit dem Ende der Republik Venedig kamen die Brionischen Inseln 1797 zur Habsburgermonarchie. Doch die Inseln hatten einen entscheidenden Nachteil: Die Malaria machte sie nahezu unbewohnbar.
1883 kaufte der österreichische Industrielle Paul Kupelwieser das Archipel. Gemeinsam mit Wissenschaftlern – unter ihnen Robert Koch – gelang es, die Malaria zu besiegen. Was folgte, war eine beeindruckende Entwicklung. Brioni wurde zu einem der elegantesten Kurorte der Donaumonarchie. Luxushotels entstanden, Golf- und Tennisplätze, Poloanlagen und gepflegte Parkanlagen. Kaiser, Künstler und Industrielle verbrachten hier ihre Sommer.
Nach dem Ersten Weltkrieg kamen die Inseln zu Italien, konnten an den Glanz der Jahrhundertwende jedoch nicht mehr anknüpfen. Nach dem Zweiten Weltkrieg wurden sie Teil Jugoslawiens. Josip Broz Tito machte Brijuni zu seiner Sommerresidenz und empfing hier Staatsgäste aus aller Welt.
Seit der Unabhängigkeit Kroatiens steht das gesamte Archipel als Nationalpark unter Schutz. Mehrfach gab es Pläne großer Investoren, die Inseln touristisch stärker zu erschließen. Bis heute konnten diese Begehrlichkeiten abgewehrt werden.
Zum Glück.
Am nächsten Morgen saßen wir schon früh wieder auf unseren Rädern. Unser Ziel war der Safari-Park. Wir waren die ersten Besucher des Tages.
Wer dabei an einen klassischen Zoo denkt, liegt allerdings daneben. Der Safari-Park erzählt vielmehr ein Stück Weltgeschichte. Die Tiere kamen nicht hierher, weil jemand eine Attraktion schaffen wollte. Sie waren Geschenke von Staatsoberhäuptern aus aller Welt an Josip Broz Tito. Als einer der Begründer der Blockfreien Bewegung empfing er auf Brijuni Könige, Präsidenten und Regierungschefs – und manche brachten statt einer Statue oder eines Gemäldes lebende Tiere mit. So entstanden nach und nach die ungewöhnlichen Bewohner des Parks.
Noch während wir zwischen den Gehegen unterwegs waren, rollten die ersten beiden Bummelzüge mit den Tagesgästen heran. Es war schließlich Pfingstmontag.
Für uns war das das Zeichen, wieder aufs Rad zu steigen.
Wir radelten weiter zum Grab von Paul Kupelwieser, das still zwischen hohen Bäumen im Wald liegt. Von dort führte unser Weg durch den wunderschönen mediterranen Garten und schließlich zum Jugendstil-Aussichtsturm, der wie aus dem Nichts mitten im Wald auftaucht. Immer wieder überraschte uns die Insel mit solchen Orten – als würde hinter jeder Wegbiegung ein neues Kapitel ihrer Geschichte warten.
Irgendwann war es Zeit, die Fahrräder zurückzubringen.
Nach den ruhigen Stunden auf der Insel fühlte sich der Platz vor dem Fahrradverleih fast fremd an. Gerade war wieder eine Fähre angekommen. Menschen warteten ungeduldig auf ihre Räder, andere wollten sie möglichst schnell zurückgeben. Es wurde diskutiert, gewartet, gestikuliert. Für viele war Brijuni ein straff organisierter Tagesausflug mit engem Zeitplan.
Wir sahen dem Treiben eine Weile zu und waren froh, dass wir die Insel anders erleben durften.
Zum Abschluss besuchten wir noch das ehemalige Bootshaus im Hafen. Der elegante Jugendstilbau wurde von Eduard Kramer, einem Schüler Otto Wagners, entworfen und diente von 1906 bis 1938 als Wohnung und Praxis des Kurarztes Otto Lenz. Heute beherbergt das liebevoll restaurierte Gebäude ein kleines Informationszentrum. Die Ausstellung erzählt von der Geschichte des Archipels, der Familie Lenz, berühmten Gästen, der Tier- und Pflanzenwelt und vom Schutz dieses außergewöhnlichen Nationalparks.
Als wir später wieder an Bord der Stella Polare saßen, mussten wir an das Bild denken, das wir uns über Jahre von Brijuni gemacht hatten.
Es war falsch.
Nicht, weil es hier keine Touristen gäbe. Die gibt es – und an einem Pfingstwochenende sogar ziemlich viele. Aber die meisten verschwinden am späten Nachmittag wieder mit der Fähre.
Zurück bleiben die Pinien, die alten Mauern, das Rauschen des Meeres, die Zikaden und diese besondere Ruhe.
Vielleicht ist genau das das Geheimnis von Brijuni.
Man muss einfach bleiben, wenn die letzte Fähre abgelegt hat.






